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Aufbruch ins Nichts

Yosan hat dem Magazin ‘Kein Müller’ ihre Geschichte erzählt – die Geschichte einer Flucht aus der Sicht eines Kindes.


Bild: zvg / keinmüller.ch

Dieser Text stammt aus dem Magazin "Kein Müller" von Svenja Tschannen und Sébastien Ross. Im Magazin berichten 10 Menschen von ihrer Reise in die Schweiz – 4 davon gehören zu unserer Gruppe. Hier kann man das Magazin bestellen.


In Eritrea war mein Papa praktisch nie daheim. Er musste ins Militär, wie alle Männer und Frauen. Ich habe gehört, dass man hier in der Schweiz nach einigen Monaten Militärdienst wieder nach Hause darf. Bei uns ist das nicht so. Am Anfang sagte man uns, er würde nach eineinhalb Jahren zu uns zurückkommen. Aber fast alle Männer kehren jahrzehntelang nicht mehr zu ihren Familien zurück. Nur ab und zu kam Papa für ein paar Wochen nach Hause. Zwar war mein Papa nie daheim, ungeachtet dessen hatte ich aber eine relativ sorglose Kindheit. Ich ging zur Schule und hatte viele Freunde. Mit ihnen spielte ich vor unserem Haus oft mit Barbies. Ich lebte dort mit meiner Mama und meiner kleinen Schwester. Manchmal hörte ich von weit weg Explosionen und Schüsse. Erst hatte ich Angst, meine Mama erklärte mir aber, dass dies nur eine Übung sei. Sie übten sehr viel. Auch wenn wir in der Stadt waren, standen überall viele schwer bewaffnete Soldaten. Einmal kam sogar die Polizei zu uns nach Hause. Sie fragten uns, wo mein Papa sei. Vor einigen Tagen war er wieder abgereist – sogar uns sagte er, er würde zurück ins Militär gehen. Er kam aber nie dort an. Aber wir wussten auch nicht, wo er war. Vom einen auf den anderen Tag war er verschwunden.

Wir hörten nichts mehr von meinem Papa.

Meine Mama erklärte mir immer wieder, wie schwer die Situation in Eritrea für eine alleinerziehende Mutter sei. Einen Job zu finden und für die Familie selbständig aufzukommen, sei praktisch unmöglich. Eines Tages war ich draussen am Spielen. Meine Mama kam zu mir und sagte: « Wir müssen gehen. » Ich dachte, wir würden nur für eine kurze Zeit weg. Also verabschiedete ich mich von meinen Grosseltern und meiner Tante. Traurig war ich nicht, wir würden ja bestimmt bald wiederkommen. Wir stiegen in einen Bus, dann ging es zu Fuss weiter. Es war bereits dunkel, als wir an einem grossen Wald ankamen. « Auf der anderen Seite befindet sich Äthiopien », sagten uns andere Leute. Dies war unser Ziel. Der endlose Wald war düster und machte mir Angst. Wir liefen geradewegs hinein. Plötzlich hörten wir Stimmen. Soldaten kamen auf uns zu. Wir standen wie angewurzelt da. Beinahe kommentarlos befahlen sie uns, mitzukommen. Sie führten uns zu einem riesigen Flüchtlingscamp. Es gab dort fast nur Baracken, keine richtigen Häuser. Alles sah sehr heruntergekommen aus. Die Menschen darin hatten einen traurigen Blick. Um die Anlage waren viele hohe Zäune gespannt. Und draussen standen Soldaten, die alles bewachten. Ich hatte so etwas noch nie gesehen. Es war monströs. Ich hörte jemanden sagen, dass dort über 20 000 Menschen wohnen. Wir erhielten eine Unterkunft, die wir mit Anderen teilen mussten. Sie bestand aus Steinen und Blechen. Meine Mama sagte mir, dass wir vorerst hier bleiben würden. Für die nächsten acht Monate war das unser Zuhause. Ich ging in eine Art Schule, spielte viel mit anderen Kindern. Es ging mir nicht schlecht, aber ich verstand nicht wirklich, weshalb wir nicht mehr zuhause waren. Nach einigen Monaten durften wir weiterreisen. Wir hatten es bereits einmal versucht, doch weil wir keine gültigen Dokumente hatten, wurden wir wieder zurückgeschickt. Meine Mama sagte mir, dass wir zu meiner Tante in den Sudan gehen würden. Auf dem Weg erlebten wir viele gefährliche Momente. Einmal mussten wir nachts einen hohen Zaun überqueren.

Plötzlich hörten wir Schüsse, die ganz nah an uns vorbeischossen.


Es war damals sehr knapp, natürlich hatte ich grosse Angst. Ich versuchte in solchen Situationen immer, an etwas anderes zu denken, mich abzulenken. Obwohl das natürlich meistens nicht funktionierte. Ich war ja schliesslich erst 10 Jahre alt. Und einmal mussten wir einen reissenden Fluss durchqueren. Niemand von uns konnte schwimmen. Das Wasser war eiskalt und stand mir bis zum Hals. Die Strömung riss mich immer wieder von den Beinen, ich musste mich an meiner Mutter festhalten. Schliesslich kamen wir bei meiner Tante im Sudan an. Einige Wochen waren wir dort, dann ging es weiter Richtung Libyen. « Libyen », hörte ich meine Mama sagen, « ist das Tor zu Europa. » Wenn wir es bis dort schaffen würden, war unser Ziel zum Greifen nah. Ich erfuhr das erste Mal, wohin wir eigentlich wollten. Von Khurtan, der Hauptstadt Sudans, ging es auf der Ladefläche eines Lastwagens weiter Richtung libysche Grenze. Das gesamte Gebiet ist eine karge, riesige Wüste. Kilometerweit gibt es keine Menschenseele weit und breit, geschweige denn Strassen oder Ähnliches. Wir waren eine Gruppe, die anderen Leute wollten auch nach Libyen. Und dann waren da noch andere Männer, die uns sagten, wo wir durchgehen mussten. Ihnen mussten wir Geld bezahlen. Ich mochte diese Männer nicht. « Schneller! Vorwärts! », riefen sie uns immer wieder zu. Wenn jemand zurückblieb, der prallen Sonne nicht mehr standhielt, liessen sie ihn einfach zurück.

Nach einigen Tagen kamen wir schliesslich in Libyen an.


Wir wurden an einen Ort geführt, der aussah wie ein Gefängnis: Hohe Mauern, drinnen gab es nur einen grossen, kargen Raum. Und draussen versteckte sich ein winziger Innenhof. Man sah von dort zwar den Himmel, aber überall waren meterhohe Mauern. Frei bewegen durften wir uns nicht. Das « Camp » durfte nur verlassen, wer Geld bezahlen konnte. In diesem grossen Raum waren sehr viele andere Leute. Sie kamen von überall her. Wir schliefen dort wie Sardellen, Schulter an Schulter. Einige, so erfuhren wir, waren bereits über ein Jahr lang dort und durften nicht weg. Zu essen gab es monatelang nur Nudeln mit nichts – kein Salz, kein Gemüse, keine Sauce. Es war alles, das wir kriegten. Sanitäre Anlagen gab es praktisch keine, geschweige denn Medikamente. Es verbreiteten sich immer wieder Krankheiten. Viele Menschen sind daran gestorben.


Unsere Aufpasser zogen die toten Menschen einfach reglos an uns vorbei nach draussen.

Ich hatte zuvor noch nie einen toten Menschen gesehen und dort sah ich dann ganz viele auf einmal. Die Leute, die lange kein Geld bezahlt hatten, wurden immer wieder nach draussen gezerrt und geschlagen. Das war die schwierigste Zeit auf der Reise. Nach einem halben Jahr durften wir diesen schrecklichen Ort endlich verlassen. Man brachte uns mit ein paar anderen Leuten in einen Lastwagen. Es war bereits dunkel. Wir sahen nichts, durften weder sprechen noch sonst irgendeinen Laut von uns geben. Ich hatte trotzdem ein gutes Gefühl, weil wir endlich von dort weg waren. Stundenlang fuhren wir durch die Nacht. Dann ging es zu Fuss weiter. Ich hörte, wie das Geräusch von Wellen immer näher kam.

Auch der salzige Meergeruch wurde intensiver.

Ich sah gerade, wie einige Männer dabei waren, zwei Boote aufzupumpen. Es waren zwei kleine Gummiboote, vielleicht 20 Meter lang. Mit uns standen sicher 300 Leute am Strand. « Da sollen wir alle drauf? » dachte ich mir. Viel Zeit, uns Gedanken zu machen, hatten wir nicht. Um 2 Uhr morgens befahlen sie uns, in die Boote einzusteigen. Wir alle schauten in diese Dunkelheit, die einen förmlich auffrass. Es war ein Aufbruch ins Nichts. Alle Taschen und Rucksäcke mussten wir zurücklassen. Wir stiegen, nur mit unseren Kleidern am Leib, in das wackelige Boot. Es wurde enger und enger. Meine Füsse wurden richtiggehend eingequetscht. Der Wind mischte sich zu den eiskalten Temperaturen. Das Wasser schwappte immer wieder ins Innere. Immer wieder mussten sich Leute übergeben, der beissende Gestank lag in der Luft. So steuerten wir in dieses schwarze Nichts. Bereits nach einigen Minuten verloren wir das andere Boot aus den Augen. Wir trieben stundenlang auf dem Meer. Dann, bei Tagesanbruch sah ich am Horizont plötzlich die Umrisse eines Schiffs. Es war die italienische Marinepolizei, die sich uns rasch näherte. Hätten sie uns nicht gefunden, wären wir wahrscheinlich ertrunken – das war auch mir bewusst. Einige Minuten später erreichte uns ein zweites, grösseres Schiff. Sie holten einen nach den anderen auf das Boot. Wir erhielten etwas zu essen und trockene Kleider. Ich war so erleichtert. Nach einigen Stunden Fahrt erreichten wir die Küste Siziliens. Ich betrat zum ersten Mal europäischen Boden. Auch meine Mama war sichtlich erleichtert. Wir wurden zu einem Flüchtlingscamp gebracht. Es war ein schönes Gefühl, denn dort durften wir uns endlich wieder frei bewegen. Ich konnte sogar zur Schule gehen. Nach einigen Monaten mussten wir weitergehen. In Italien hatten sie keinen Platz für uns. So gingen wir weiter in die Schweiz, da mein Onkel bereits hier wohnte. Auch hier waren wir wieder in verschiedenen Camps. Aber nach einigen Wochen durften wir eine eigene, richtige Wohnung beziehen. Nach unserer endlos langen Flucht waren wir endlich angekommen.

Zwei Jahre lang haben wir uns durchgekämpft.

Trotzdem beschäftigen mich noch viele Sachen. Mit meiner Familie in Eritrea kann ich nur einmal pro Monat kurz telefonieren. Ich habe sie vor sechs Jahren, am Tag des Abschieds, das letzte Mal gesehen. Ich vermisse sie sehr. Von meinem Vater haben wir praktisch nie mehr etwas gehört. Im Camp in Libyen hatten wir kurz telefoniert. Anscheinend wollte er nicht zurück ins Militär und ist nach Israel geflohen. Das war vor vier Jahren. Wo er heute ist, weiss niemand. Hier in der Schweiz gefällt es mir gut. Man kann hier sicher leben, ohne Angst. Aber meine Mama hat gesagt, dass wir anscheinend nicht hier bleiben dürfen. Ich verstehe nicht genau, weshalb. Wir haben einen zweiten negativen Asylbescheid erhalten – bis im September 2021 dürfen wir noch bleiben. Aber wir wissen nicht, wohin wir nachher gehen sollen. Ich würde gerne bleiben. Mittlerweile habe ich hier ein neues Zuhause gefunden. Gehe zur Schule und habe gute Freunde. Und ich verstehe sogar, was die anderen Kinder auf Schweizerdeutsch sagen. Durch all die Länder, in denen ich war, kann ich viele Sprachen sprechen: Äthiopisch, Arabisch, Tigrinya, Türkisch, Französisch, Italienisch, etwas Englisch und Deutsch. In der Schule gebe ich mir Mühe, ich möchte viel lernen. Das ist auch wichtig für meine Zukunft. Mein Traumberuf ist nämlich Ärztin oder Polizistin. Wieso? Weil ich dann anderen Menschen helfen kann.


Hier findest du mehr Informationen über das Magazin "Kein Müller". Du möchtest auch die anderen Geschichten lesen? Dann kannst du das Magazin hier bestellen.

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