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Wie und warum Eritreer*innen am 7. Januar Weihnachten feiern

"Was wir vermissen, sind die Rituale": Habteab aus dem Mazay-Team erzählt, wie er das Weihnachtsfest in Eritrea in Erinnerung hat.


Bild: Weihnachtsgebet auf Tigrinya.

Geschrieben von Habteab Yemane


Wenn man nach Eritrea oder Äthiopien reist, ist man sieben Jahre jünger. Nach dem Geez-Kalender haben wir jetzt das Jahr 2014. Der Unterschied besteht, weil der Geburtstag von Jesus anders berechnet wird. Nach unserem Glauben versprach Gott, als er Adam und Eva aus dem Paradies verbannte, die Menschen 5500 Jahre später zu retten. Die Rettung kam mit der Geburt Jesu am 29. Tag des Monats "Lidet" in unserem Jahr 0, nach dem hiesigen Kalender im Jahr 7 n.Ch.. Wie viele andere orthodoxe Kirchen, zum Beispiel die russische, griechische oder äghyptische, feiern wir Weihnachten Anfang Januar.


Ich vermisse Weihnachten und andere Feiertage, wie wir sie gefeiert haben. Diese Tage sind mit vielen Erinnerungen verbunden.


Am Samstag vor dem Weihnachtsfest gingen wir auf den Markt. Die meisten Menschen waren arm - Feiertage waren oft die einzigen Anlässe, an denen Fleisch gegessen wurde. Wer es vermochte, kaufte ein Schaf oder eine Ziege, wer weniger Geld hatte ein Huhn. Als Kind war der Marktbesuch ein Abenteuer. Wir verbrachten Stunden dort - man musste alles anschauen, den Körperbau, die Farbe der Tiere. Der Schwanz der Schafe besteht aus Fett, wenn man ihn in die Hand nimmt, erkennt man, ob das Tier gut genährt ist. Und dann muss man feilschen. Es gibt keine fixen Preise und auch keine Wage. Der Verkäufer verlangt 2000. Man schaut skeptisch und sagt 500. Man sagt, das Schaf sei dünn und die Farbe sei nicht gut. Wir brachten das Schaf dann jeweils stolz an einem Seil angebunden zurück; die Nachbarskinder verglichen, wer das bessere Tier hatte.


Am 6. Januar gingen die Ältesten der Familie und die Kinder abends in die Kirche, während die jüngeren zu Hause das Tier schlachteten und das Essen vorbereiteten. Man verbrachte die halbe Nacht in der Kirche. Als Kinder haben wir vielleicht eine Stunde an der Zeremonie teilgenommen, bevor wir am Arm der Eltern eingeschlafen sind. Die Zeremonie dauerte oft bis 2 oder 3 Uhr am Morgen. Als wir nach Hause kamen, gab es Frühstück.


"Duleth" - das ist das, was ich am meisten vermisse. Es ist das Beste des geschlachteten Tiers. Magen, Leber und Darm gemischt mit Gewürzen, Butter und Galle - es ist so lecker. Wir legten das "Duleth" in die Mitte der grossen Platte, rundherum die anderen Fleischstücke. Alle assen von dieser Platte. Anschliessend folgte eine traditionelle Kaffeezeremonie, bei der man drei Mal Kaffee trinkt. Ich erinnere mich an den Duft von frisch geröstetem Kaffee und von den Kräutern und Gräsern, die man im ganzen Haus auslegte. Man redete, man plauderte, man berichtete von Gerüchten. So sassen wir zwei oder drei Stunden zusammen.


Bild: Typische Ingera-Fladen unter anderem mit Duleth (in der Mitte).

Am späteren Nachmittag, nachdem die meisten ein paar Stunden geschlafen hatten, kamen dann Besucher. Und natürlich tranken wir "Suwa", ein traditionell hergestelltes, alkoholisches Getränk aus dunkler Hirse. Die Frauen des Haushalts stellten es her - alle machen es, jede Familie. Und Musiker gingen von Haus zu Haus. Sie spielten das Instrument "Whata" und sangen dazu. Man wartete, bis diese Musiker zu einem nach Hause kamen. Sie spielten etwas vor und betonten immerzu, wie grosszügig man doch sei, wie grosszügig doch schon Vater und Mutter gewesen waren. Wir gaben ihnen ein Trinkgeld. Und wenn sie im darauffolgenden Jahr nicht wieder kamen, wusste man, dass man zu wenig gegeben hatte.


Hier in der Schweiz können wir Weihnachten nicht auf diese Weise feiern. Wir laden Freunde ein, vor allem Menschen, die alleine hier leben. Und man ruft die Eltern an, um zu fragen, was es Neues gibt. Die Eltern erzählen dann, wie teuer Schafe heutzutage sind.


Ich verbinde viele schöne Erinnerungen mit dem Weihnachtsfest. In der Kindheit haben wir oft an Weihnachten oder an anderen Feiertagen Kleider geschenkt bekommen - an anderen Tagen haben meine Eltern kaum je Kleider gekauft. Was wir vermissen, sind die Rituale. Das Feilschen auf dem Markt. Den Stolz, wenn man mit dem Tier nach Hause kommt. Das Schlachten, die Kirche, das Frühstück, die Besucher und Musiker. Das ist es, was uns so fehlt.

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