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Die erste Mazay-Klasse - drei Jahre später

Ende 2018 war der erste Kurs von Mazay zu Ende. Wir haben bei den Teilnehmenden nachgefragt, was sie heute machen. 9 Antworten, die glücklich machen - aber auch traurig.


16 Schülerinnen und Schüler haben Ende 2018 ihre Mazay-Kurszertifikate erhalten. Sechs Monate lang hatten sie zuvor jeden Vormittag Unterricht gehabt - meist etwas improvisiert und in einem viel zu kleinen Schulzimmer in Köniz. Das war der allererste Mazay-Kurs und der Start für unseren Verein. Mit vielen der 16 Teilnehmenden stehen wir bis heute in Kontakt. Hier erzählen sie uns, wie sie auf den Kurs zurückblicken und wie es ihnen seither ergangen ist:


Habib



"Ich werde den Mazay-Kurs nie vergessen, weil es so coole Leute dort hatte. Ich möchte immer Kontakt haben zu diesen Leuten, sie sind zu meinen Kollegen geworden. Ich hätte 2018 keine Chance gehabt, eine andere Schule zu besuchen. Anfangs war meine Situation sehr schlecht, weil ich das Alphabet von Grund auf lernen musste. In den sechs Monaten bei Mazay konnte ich das Alphabet gut lernen. Ich konnte gleichzeitig auch ein Beschäftigungsprogramm und dann ein Praktikum beim Naturverein Bremgarten machen. Nach dem Praktikum wurde ich 80 Prozent angestellt. So konnte ich schnell finanziell selbständig werden, was mir wichtig ist. Ich bin regelmässig im Mazay-Café. Hier hat es immer verschiedene Leute, die Kaffee und Tee trinken, und man hilft sich gegenseitig. Wenn Mazay ein Treffen oder eine Wanderung organisiert, bin ich immer dabei. Ich wohne in einer WG mit neun Personen - ausser mir sind alle Schweizer*innen. Das ist auch schön. Auch ein bisschen Schweizerdeutsch habe ich gelernt - nicht richtig, aber doch, ich verstehe es schon."



Merkeb


"Ich weiss nicht, was ich sagen soll. Die Situation ist nur schlechter geworden. Eigentlich war der Kurs für mich sehr positiv. Ich bin bis heute froh, dass es Mazay gibt, der Verein ist sehr wichtig für mich und ich habe viele meiner Freunde hier gefunden. Aber meine persönliche Situation ist nur schlechter geworden. Seit ich in der Schweiz bin, bin ich immer aktiv und versuche, eine gute Situation für mich und meine beiden Töchter zu schaffen. Ich kann mich auf Deutsch problemlos verständigen, ich lerne Deutsch auf dem Niveau B2; ich habe im Verkehrsdienst gearbeitet, einen Pflegekurs gemacht, ein Praktikum in einem Schweizer Haushalt und ich helfe im Mazay-Café mit. Leider habe ich noch immer keine Aufenthaltsbewilligung erhalten. Zum Glück kann ich dank Freunden in einer Privatwohnung leben und muss nicht ins Rückkehrzentrum, aber ich erhalte nun gar keine Sozialhilfe mehr. Alle Leute um mich herum haben Ziele und Zukunftspläne, und ich weiss nicht einmal, ob ich nächstes Jahr noch in der Schweiz sein kann. Auch meine Kinder haben hier keine Zukunftsaussichten. Das ist sehr schwierig für mich als alleinerziehende Mutter."



R.


"Die Mazay-Schule war gut und spannend für mich. Jeden Morgen in die Schule zu gehen und andere Menschen zu treffen und Deutsch zu reden, hat mir gefallen. Jetzt arbeite ich auf einem Bauernhof."



Zaher


"In den letzten drei Jahren ist nichts passiert. Ich habe eine Aufenthaltsbewilligung erhalten. Und meine Mutter ist gestorben. Sonst hat sich nichts verändert. Alles ist immer gleich. Für mich ist das wirklich eine schlechte Zeit. Ich habe immer wieder mit dem Sozialdienst gesprochen, weil ich Deutsch lernen, arbeiten und mit Leuten Kontakt haben möchte. Aber leider geschieht nichts. Der Mazay-Kurs, der war super. Das war keine normale Schule - wir haben zusammen gelacht, gegessen, gespielt. Ich habe noch nie eine solche Schule gesehen. Wenn Mazay je wieder Kurse anbietet, dann möchte ich unbedingt teilnehmen. Ich wünsche mir, dass sich in der Zukunft etwas ändert. Vielleicht habe ich dieses Jahr die Möglichkeit, für die Firma eines Landsmanns zu arbeiten. Zudem lade ich alle paar Tage ein Video auf meinen Youtube-Kanal. Ich spreche in den Videos über die usbekische Politik und über die Schweiz. Auch über Bern habe ich viele Videos gemacht. Ich hoffe, dass Usbeken so die Schweiz ein wenig kennenlernen können."


 

Willst du Teil von Mazay werden? In unserer Gruppe gibt es aktuell viele Menschen, die sich eine Alltagsbegleitung wünschen. Wir freuen uns darum, wenn sich weitere Personen bei uns engagieren. Mehr Infos gibt es hier.

 

S.


"Termine, Termine, Termine - das ist mein Leben in der Schweiz. Ich bin mit meinen Kindern so oft im Spital, dass mir das Personal schon gesagt hat, dass wir ein Stammzimmer erhalten sollten. Ich habe zwei Söhne, die gehörlos sind. Sie erhalten hier eine gute Behandlung. Ich selber lerne nicht nur Deutsch, sondern auch Gebärdensprache. Meine Situation ist gut. Nicht perfekt, aber viel besser als anfangs. Ich bin glücklich. Nur einen Wunsch hätte ich: Ich würde gerne in den Kanton Zürich umziehen. Meine Kinder gehen dort zur Schule und vieles wäre einfacher, wenn ich auch dort wohnen könnte. Der Migrationsdienst muss dem Umzug zustimmen. Ich hoffe, es klappt. Übrigens: Ich vermisse die Mazay-Klasse sehr. Das war eine schöne Zeit für mich."



Pinar



"Ich muss ehrlich sagen, dass Mazay viel Innovation in mein Leben gebracht hat. Ich kann mir nicht vorstellen, was ich machen würde, wenn ich Mazay nicht gekannt hätte. Dank des Mazay-Kurses im Sommer 2018 wurde mein Umfeld ziemlich stark erweitert. Ich habe so viele neue Leute und Organisationen in Bern kennengelernt. Es war wirklich schön in diesem Sommer. Ich vergesse die Zeit nie, als wir nach dem Kurs zusammen gekocht und gegessen haben. Wenn ich mein jetziges Leben anschaue, glaube ich, dass damals die Tage schöner und spezieller waren. Damals hatten wir nur die Probleme, noch keine Aufenthaltsbewilligung zu haben, Deutsch zu lernen und uns eine Zukunft aufzubauen. Aber jetzt bin ich, wie alle anderen auch, in grosser Hektik. Ich habe einen Ausweis B (Flüchtlingsstatus) erhalten, habe einen C1-Kurs absolviert, habe mit dem Studium begonnen. Aber es fühlt sich immer noch so an, als würde etwas fehlen. Was fehlt, weiss ich auch nicht. Ich weiss nur, dass ich die Tage des Mazay-Deutschkurses nie vergessen werde."


(Anmerkung: Was Pinar nicht erwähnt, ist, dass sie heute unsere Vereinspräsidentin ist. Mehr dazu hier.)



Yildiz



"Ich erinnere mich, dass die Lehrerpersonen sich gut um mich gekümmert haben, der Unterricht Spass gemacht hat und Dominik, einer der Kursleiter, "Canim"* gesagt hat. Alle haben uns beim Integrationsprozess sehr geholfen. Jetzt besuche ich ein Mal pro Woche einen Deutschkurs in Burgdorf. Ich vermisse meine Freunde und Lehrer im Mazay-Kurs."


* "Canim" ist Türkisch und bedeutet Liebling.



M.


"Ich erinnere mich an das Abschlussfest des Mazay-Kurses. Einige Schüler gingen in der Aare schwimmen. Zaher konnte es sehr gut, er konnte lange unter Wasser bleiben und hat versucht, es mir beizubringen. Bei Mazay habe ich viel gelernt: lesen und schreiben, E-Mail, Briefe und Bewerbungen. Ich habe viele Leute kennengelernt - Vitamin B, diesen Begriff habe ich bei Mazay gelernt. Nach Mazay konnte ich zum Glück weitere Kurse besuchen. Heute arbeite ich 20% in einem Restaurant und 80% als Carrosserie-Spengler, in meinem vorherigen Beruf in Syrien. Ich hoffe, dass ich nächstes Jahr eine Lehre machen kann. Ich bin glücklich, jetzt ist alles gut. "



Nigar



"Als ich in die Schweiz kam, war ich wie eine Neugeborene. Neue Sprache, neue Regeln, andere Kultur und viele Unterschiede, die das tägliche Leben beeinflussen. Jetzt mache ich eine EFZ-Lehre als Coiffeuse. Ich bin im ersten Lehrjahr beim Coiffeur Kopfstand in der Berner Innenstadt. Dieser Beruf macht mir viel Freude und ich bin jeden Tag mehr davon überzeugt, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Familie, Lehre, Arbeit - das bedeutet viel Verantwortung. Es ist nicht einfach, alles unter einen Hut zu bringen, aber so komme ich meinem Ziel näher. Ich weiss, dass ich Schwierigkeiten mit der Sprache habe, aber es beruhigt mich, zu sehen, wie tolerant und verständnisvoll die Menschen in meinem Umfeld sind: Mitarbeitende, Lehrpersonen, Kolleginnen und Kollegen an der Schule. Ich verbringe eine sehr schöne Zeit mit ihnen. Ich habe viele Freunde gefunden, ich bin weit gekommen.

Der Mazay-Kurs hatte einen grossen Einfluss auf meinem Erfolg. Er war für mich nicht nur ein Deutschkurs, er stand am Anfang wie ein Schild auf meinem Weg zu meinem Ziel."



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